Berliner Zeitung, 25.09.2000

Der Trost der Wirtschaftswissenschaft

Zum letzten Mal auf Deutsch: Die Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik in Berlin

Christian Esch

Wie die Wirtschaft mehr Menschen beschäftigen kann, ist eine der großen Fragen der Volkswirtschaftslehre. Zurzeit sind es, genau genommen, sogar drei Fragen: Warum ist die Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten so spektakulär niedrig? Warum ist sie dagegen in Europa beständig gestiegen? Und, das fragt man sich wenigstens hier zu Lande, warum ist sie im vereinten Deutschland so hoch?

Der "Verein für Socialpolitik", das ist der Verband der deutschsprachigen Wirtschaftswissenschaftler, hat auf seiner Jahrestagung in Berlin vergangene Woche die "Beschäftigung im vereinten Deutschland" zum Thema erhoben - und damit diejenige der drei Fragen, die am wenigsten Rätsel aufgibt. Denn was sich in den USA zur Zeit abspielt, ist wirklich ein Beschäftigungswunder; dagegen ist der beständige Anstieg der Arbeitslosigkeit in Europa auch, aber weniger verwunderlich; die hohe Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland schließlich gilt Ökonomen nicht wirklich als Rätsel. Wie sie aber darüber sprechen, sagt über den Prozess der Vereinigung so viel aus wie über die Denkweise der Zunft.

Vor zehn Jahren, im Februar 1990, warnte der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung den Bundeskanzler in einem Brief vor der geplanten Währungsunion mit der DDR. Er gab die Befürchtungen der Ökonomen wieder, dass die Nominallöhne in Ostdeutschland schneller steigen würden als die Produktivität; "der Druck auf die Bundesrepublik würde anwachsen, den Abstand der Einkommen (Löhne und Renten) durch einen ,Finanzausgleich zu Gunsten der DDR zu verringern. Riesige Belastungen kämen auf die öffentlichen Haushalte zu."

Zehn Jahre später muss man diese Prognose nur vom Irrealis in die Wirklichkeitsform übertragen und die vorsichtigen Anführungszeichen um das Wort Finanzausgleich weglassen, schon hat man eine Geschichte der Vereinigung. Die Löhne sind zu hoch, alles andere folgt daraus, ist der Grundkonsens der Ökonomen.

Liegt es aber an staatlichen Vorgaben oder nicht doch am Markt selbst, dass die Löhne gemessen an der Produktivitätsentwicklung zu hoch sind?, wagte Karl-Heinz Paqué (Magdeburg) zu fragen. Schließlich spiele der Flächentarifvertrag, der Lieblingsfeind der Ökonomen, in Ostdeutschland keine Rolle. Arbeitgeber müssten offensichtlich in Ostdeutschland trotz eines relativ freien Arbeitsmarktes eine Prämie zahlen, um Menschen am Wegzug zu hindern.

Diese These mag zwar für Paqués eigene Absolventen und andere hoch qualifizierte Arbeitnehmer gelten, nicht aber für das Gros der in Ostdeutschland Beschäftigten. Überzeugender und zugleich menschlich unangenehmer klang die Gegenposition von Hans-Werner Sinn, der als international anerkannter Forscher, als Präsident des Münchener Ifo-Instituts und als Vereinsvorsitzender eine der führenden Figuren der deutschen Volkswirtschaftslehre ist.

Von einem funktionierenden Arbeitsmarkt in Ostdeutschland könne keine Rede sein, solange die Sozialhilfe (die für Familien 60 Prozent des westdeutschen Durchschnittslohns betrage), über der Produktivität von 55 Prozent des Westdurchschnitts liege. Und was sei eigentlich schlecht daran, wenn ostdeutsche Arbeitnehmer massenhaft in den Westen abwanderten?

Sinns Argumentation, die die Mehrheitsmeinung der Zunft widerspiegeln dürfte, zeigte wieder einmal, was den Wirtschaftswissenschaftler ausmacht: Es ist die Kombination von ungewöhnlich hohem Optimismus gegenüber sozialen Veränderungen und einem nüchtern-mechanistischen Menschenbild. Letzteres gehört zur Volkswirtschaftslehre sozusagen seit es sie gibt; der Optimismus dagegen fehlte ursprünglich, als sich die Ökonomen noch vor allem mit dem Druck der Bevölkerung auf die vorhandenen Ressourcen beschäftigten und das Fach als "Trostlose Wissenschaft" galt. Das ist heute anders: Das Wort von der "Dismal Science" ist zur peppig-ironischen Kolumnenüberschrift in Investorenmagazinen verkommen, und dafür hat die Ökonomie mit ihrem mathematischen Ansatz frohgemut den Abbau staatlicher Schutzmechanismen legitimiert und den Siegeszug des Marktes vorangetrieben. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Geschichte des 1873 gegründeten Vereins für Socialpolitik wider, ursprünglich einer Vereinigung sozial engagierter "Kathedersozialisten". Das Vereinslogo, mit dem aufrechten Vereins-V und dem umkippenden S für Sozialpolitik, habe "eine hohe Symbolkraft für die Geschichte des Vereins", scherzte Sinn in der Laudatio auf den diesjährigen Thünen-Preisträger Ernst Helmstädter (dem der Verein das Logo verdankt).

Doch ist der Vorwurf falsch, dass sich die heutige Wirtschaftswissenschaft nicht mit der Lösung sozialer Probleme beschäftigen würde, sondern nur mit ihrem Weg-Definieren. Auf der Tagung mit ihren mehr als 200 Vorträgen wurde erfreulich ernsthaft über die Frage diskutiert, wie sich der Sozialstaat um-, nicht abbauen ließe. Die Antworten entsprechen nicht unbedingt dem, was der Laie vom Ökonomen erwarten würde. Ob man zum Beispiel die private Zusatzvorsorge für das Alter der freien Entscheidung des Einzelnen überlassen solle, lässt sich nicht so einfach beantworten, wie es Werner Müller (ein Wirtschaftsminister, der immerhin auch Ökonomie studiert hat) in seiner Rede darstellte: das Prinzip der "Eigenverantwortung" sei ökonomisch selbstverständlich. Das ist es nicht, wie Robert Fenge und Jakob von Weizsäcker (München) zeigten: die Krise des Umlagesystems führt vielmehr unter Umständen dazu, dass es sich für die Armen nicht mehr lohnt, vorzusparen; dass es sich aber für sie lohnen würde, wenn man alle, reiche und arme Versicherte, zum Vorsparen zwingt.

Ebenso wurde die Frage nach negativen Folgen einer Deregulierung aufgeworfen. Olivier Blanchard (MIT) erklärte mit der Deregulierung auf den europäischen Arbeitsmärkten, warum die dauerhaft hohe Arbeitslosigkeit in Europa mit einem unerhörten Anstieg der Profitquote einhergeht. Das allerdings mag den Laien weniger erstaunen, und Laie wie Fachmann fragen sich, wann die hohen Unternehmensgewinne denn endlich zu höheren Investitionen und damit zu mehr Beschäftigung führen werden.

Die Tagung des Vereins zeigte eine erfreuliche Vielfalt der Themen und ein Interesse an praktischen Fragen; übrigens auch eine Verjüngung des Teilnehmerkreises und eine Annäherung an die internationale Forschung. Diese Öffnung aber geht wohl nicht ohne Verluste ab. Dass man dem Englischen künftig mehr Raum geben will, ist da nur ein Problem; die Frage ist, warum nicht auch die soziologische Betrachtung von Beschäftigung, von wirtschaftlichen Themen überhaupt auf einer Tagung vorkommt, die laut Vereinstitel auch den Sozialwissenschaften gewidmet sein sollte. Da hätte man in den Anfängen des Vereins für Socialpolitik doch sehr viel Interessanteres gehört als heute. Die Frage lautet: Wem gegenüber will sich die deutsche Wirtschaftswissenschaft öffnen?


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